Albrecht von Müller  Commentary on Publications

 
 
 

Im Folgenden finden sich eine Auswahl von Aufsätzen und Buch-Beiträgen aus den Jahren 1982 bis 2008. Ziel ist es, einen kurzen Überblick über die Arbeitsschwerpunkte dieses Zeitraumes zu geben. In chronologischer Folge lassen sich die folgenden vier Themenschwerpunkte unterscheiden:

A-I Theorie der Zeit

Sowohl den Ausgangs- wie auch den Dreh- und Angelpunkt aller weiteren Arbeiten bildet die erkenntnistheoretische bzw. ontologische Frage nach den kategorialen Grundlagen unseres Wirklichkeitsverständnisses, insbesondere nach dem Verhältnis von "Zeit und Logik" (Diss. 1982). Ziel war es dabei, den klassischen kategorialen Apparat so zu erweitern, dass es möglich wird, auch das Phänomen der Gegenwart und das damit unmittelbar verbundene Phänomen starker Selbstreferenzialität angemessen zu behandeln. (Siehe dazu Anhang A-I.1)

A-II Die Rolle der kategorialen Grundlagen für unser Denken

Die systematische Beschäftigung mit dem Phänomen des Denkens schließlich hat mich in den letzten Jahren wieder zu den Fragen zurückgeführt, von denen ich Anfang der 80er Jahre ausgegangen war: Was sind die kategorialen Grundlagen unseres Denkens und wie beeinflussen sie unser Wirklichkeitsverständnis? Im Rahmen der engen Zusammenarbeit mit einem Kollegen aus der theoretischen Physik, dem Quantenphysiker Thomas Filk, ergab sich so die Möglichkeit, den schon vor 25 Jahren angedachten Zeitbegriff, der das Phänomen der Gegenwart ins Zentrum rückt, nochmals wesentlich systematischer zu fassen und weiterzuentwickeln. Der erweiterte kategoriale Apparat erlaubt es, drei Themenfelder in einer grundlegend neuen Weise anzugehen: die Interpretation der Quantenphysik, ihre Beziehungen zur Relativitätstheorie sowie die Frage nach dem Verhältnis von Materie und Bewusstsein. Wenn sich der von uns entwickelte Ansatz in den nächsten Jahren bestätigen und durchsetzen sollte, so würde der philosophisch-kategorialen Reflexion wieder eine ganz zentrale Stellung in den Grundlagen der Physik zukommen (siehe dazu als Beispiel Quantum Physics and Consciousness: The Quest for a Common, Modified Conceptual Foundation.).

B Frieden, internationale Sicherheit und Rüstungskontrolle

Schon in der Dissertation war die Frage nach den praktischen Konsequenzen eines solchen erweiterten kategorialen Apparats angelegt. Konkretisiert wurde sie in der Übertragung des in "Zeit und Logik" entwickelten Begriffs des 'Sich-Ereignens' auf das Phänomen des Friedens (siehe dazu B.1, "Die Logik des Friedens"). Praktisch ging es dabei erstens um die Ausarbeitung des Konzepts einer zweiten Entspannungspolitik (siehe dazu B.2 "Die Transformation des Ost-West Konflikts") sowie zweitens um die dazugehörige Neuorientierung der bisherigen Bemühungen um Rüstungskontrolle. In der Schrift "Zum ewigen Frieden" hatte Kant die Abschaffung des "miles perpetuus" mit der Begründung gefordert, dass davon eine latente Bedrohung der Nachbarn ausginge. Obwohl vollständige Abrüstung in den 80er Jahren politisch und sachlich nicht praktikabel waren, konnte man den Grundgedanken dennoch aufnehmen (siehe dazu B.3 "Confidence-Building by Hardware Measures"). Durch eine qualitative Veränderung des Kräfteverhältnisses im Sinne "struktureller Nichtangriffsfähigkeit" konnte zumindest die wechselseitige Bedrohung - und damit der ständige Anreiz zu weiterem Wettrüsten - vermieden werden. Aus diesem Grund habe ich, zusammen mit Hans-Peter Dürr, die schön älteren Überlegungen zu einer rein defensiven Verteidigung (Horst Afheldt) - die damals politisch und sachlich ebenfalls schwer machbar erschienen - zu einem neuen rüstungskontrollpolitischen Rahmenkonzept weiterentwickelt. Ziel war es dabei nicht mehr, die gesamte Verteidigungskonzeption umzubauen, wohl aber die Strukturen der Streitkräfte so zu verändern, dass ein inhärent stabiles - und deshalb Abrüstung ermöglichendes - Kräfteverhältnis wechselseitiger Verteidigerdominanz entsteht (siehe dazu B.4 "Conventional Stability and Defence Dominance"). Das zu diesem Zweck entwickelte Konzept der "strukturellen Nichtangriffsfähigkeit" wurde 1983 erstmal vorgestellt - und zunächst allseitig belächelt. Politisch aufgegriffen wurde es zuerst von dem damaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, Peter Glotz. Erst als das Konzept 1986 auch von Gorbatschow, anschließend von dem deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sowie Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, und in der Folge dann auch von anderen europäischen Regierungen (siehe dazu B.5) aufgegriffen wurde, begannen die konzeptionellen Überlegungen auch politisch wirksam zu werden.

Der am 19. November 1990 in Paris geschlossene KSE-Vertrag zur konventionellen Um- und Abrüstung in Europa setzt den Grundgedanken des neuen Rüstungskontrollparadigmas erstaunlich konsequent um. In dem Vertragstext sind die Ziele wie folgt definiert:

"…in Europa ein sicheres und stabiles Gleichgewicht der konventionellen Streitkräfte auf niedrigerem Niveau als bisher zu schaffen, Ungleichgewichte, die für Stabilität und Sicherheit nachteilig sind, zu beseitigen und - besonders vorrangig - die Fähigkeit zur Auslösung von Überraschungsangriffen und zur Einleitung großangelegter Offensivhandlungen in Europa zu beseitigen".

C Verfahren und Methoden zur Unterstützung komplexen Denkens

Schon während meiner Promotion und in der nachfolgenden Zeit am Max-Planck-Institut für Physik hatte mich die Frage interessiert, ob ein genaueres Verständnis des Phänomens 'Denken' es ermöglichen würde, das menschliche Denken im Umgang mit Komplexität zu unterstützen. Die mehrjährige Beratungstätigkeit für verschiedene Regierungen sowie NATO, KSZE und EU, die Leitung der Pugwash Study Group for Conventional Arms Control sowie der Ost-West-Expertengruppen JACOS und JOSIM haben dieses Interesse nochmals massiv verstärkt. Anfang der 90er Jahre griff ich deshalb die schon in dem Buch "Die Kunst des Friedens" (Hanser Verlag München, 1984) entwickelten Ansätze (siehe dazu C.1) wieder auf und bemühte mich um die Entwicklung von Methoden zur visuellen Repräsentation komplexer Denkprozesse. Einen willkommenen Anlass dazu bot ein Auftrag der Bundesregierung an das European Center for International Security, dessen Direktor ich damals war. Gegenstand des Auftrags war die Entwicklung eines Systems zur Unterstützung der Analyse und Entscheidungsprozesse in Krisensituationen (siehe dazu C.2 "Krisenmanagement und Konfliktprävention in einer historischen Umbruchsphase").

In den Folgejahren wurden die Verfahren und Methoden ständig weiterentwickelt und auch für Strategie-Prozesse mittlerer und großer Unternehmen eingesetzt. Den Höhepunkt meiner persönlichen Erfahrungen in der praktischen Anwendung bildete die umfangreiche Unterstützung der Mandela-Regierung nach Ende der Apartheid. In ca. 30 Einzelprojekten wurden eine Gesamtstrategie für das nationale Kabinett, sowie daraus abgeleitete Einzelstrategien für sämtliche Schlüsselministerien und alle neun Provinzen erarbeitet. Präsident Mandela bedankte sich 1999 bei der Bundesregierung für die geleistete Unterstützung mit den Worten:

“We have been using this methodology in issues of policy formulation and policy coordination between the national, provincial and local levels…it certainly does give us the tools to deal with the complexity we are confronted with.”

In den Folgejahren wurden die Verfahren und Methoden ständig weiterentwickelt und sie sind bislang in ca. 40 Regierungen bzw. supranationalen Einrichtungen sowie in etwa ebenso vielen Großunternehmen eingesetzt worden. Zwei Jahre nach Gründung der Parmenides Stiftung habe ich zusätzlich sämtliche Urheber- und Lizenzrechte an diesen Verfahren und Methoden in die Stiftung eingebracht. Ziel war es dabei, dass der gesamte Jahresetat für Forschung, Verwaltung, Veranstaltungen, die beiden Gästehäuser etc. aus eigenen Erträgen gedeckt werden kann. In 2008 wird diese Zielsetzung zum ersten Mal vollständig realisiert. (Zum aktuellen Stand der Methoden und Verfahren siehe C.3 "EIDOS".)

D Theorie des Denkens

Der Versuch, komplexes Denken zu verstehen und zu unterstützen, hat die Frage aufgeworfen, was wir eigentlich über die konkrete Umsetzung von komplexen Denkprozessen im menschlichen Gehirn wissen. Die bis heute gültige Antwort lautet: extrem wenig. Dies war der Grund für die im Jahr 2000 erfolgte Einrichtung des "Parmenides Center fort the Study of Thinking", das die Aufgabe hat, genau dieser Fragestellung unter Einbeziehung aller für dieses Thema relevanten Disziplinen nachzugehen (siehe dazu programmatisch zur Erforschung des Denkens D.1 "Denken - die wichtigste Ressource" und als Beispiel für eine konkrete Untersuchung D.2 "Evolutionary Learning of Small Networks"). Der dabei heute, nach acht Jahren, erreichte Kenntnisstand wird in den beiden ersten Bänden der von Ernst Pöppel und mir beim Springer-Verlag herausgegebenen Buchreihe "On Thinking" dargelegt (siehe dazu). Die jüngste Publikation zu diesem Thema ist von Müller, A. (2010): Thought and Reality in: Toward a Theory of Thinking, Hrsg. B. M. Glatzeder, V. Goel, A. von Müller, 59-70. Heidelberg: Springer